WESTERSTEDE
Der Ton macht die Kunst
Wenn man Ingrid Schäfers Garten betritt, fallen die getöpferten Werke zunächst kaum ins Auge – ganz anders, als man erwarten würde. Erst nach und nach realisiert man zwischen der bunten Blütenpracht kleine Figuren, die einen aus den unterschiedlichsten Winkeln ansehen. Mal sitzt hier eine Eule im Baum, mal reckt sich eine Glockenblume aus dem Beet. Und plötzlich sind sie überall – als hätten sie sich leise zwischen die Blüten geschlichen: die lustigen Figuren, Insektenhäuser, Zaunsitzer, fliegenden Fische und tanzenden Blüten aus Ton. Die Entdeckungstour durch den Garten beginnt.

Eine gewachsene Leidenschaft
Das Töpfern begleitet Ingrid Schäfer bereits seit vielen Jahren. Während ihrer Elternzeit besuchte sie ihren ersten Kurs an der Volkshochschule – viele weitere folgten, um immer neue Techniken zu erlernen. Aus dem anfänglichen Hobby wuchs nach und nach eine tiefe Leidenschaft. Die ehemalige Boutique-Inhaberin aus der Westersteder Innenstadt sammelte Werkzeuge, fand einen gebrauchten Brennofen und richtete sich schließlich ihr eigenes kleines Atelier ein. „Es ist ein tolles Gefühl aus diesem erdigen und natürlichen Material, aus diesem kalten und feuchten Klumpen Ton etwas Schönes zu formen“, sagt Ingrid Schäfer. Heute entstehen ihre Arbeiten vor allem in den Wintermonaten – etwa 30 bis 50 Stück pro Saison. Ihre Inspiration findet sie in Zeitschriften, Büchern oder Ausstellungen. So greift sie auch aktuelle Gartentrends auf: Für Staketenzäune fertigt sie Tierfiguren, die auf den Pfählen Platz finden und dem schlichten Holz eine verspielte Note verleihen.
Wenn aus Erde Kunst wird
Wie so oft im Kunsthandwerk kam irgendwann die Frage auf: Wohin mit all den entstandenen Stücken? Ingrid Schäfer begann, ihre Arbeiten auszustellen – zunächst im Garten einer Freundin beim „Tag des offenen Gartens“. Doch das aufwendige Verpacken der empfindlichen Werke brachte sie auf eine neue Idee: Warum nicht den eigenen Garten öffnen? Vor zehn Jahren nahm sie erstmals an der Veranstaltung der Ammerland Touristik teil – seither ist sie regelmäßig dabei. Der Verkauf bleibt dabei Nebensache. „Viel schöner ist es, wenn Menschen sich für meine Arbeiten begeistern und daraus Gespräche entstehen“, sagt sie. Ihre Preise decken größtenteils nur die Material- und Stromkosten für den Brennofen ab. Dieser läuft allein im ersten Brennvorgang sechs Stunden bei 950 Grad. Nach dem Glasieren der gebrannten Waren, werden diese noch einmal bei 1050 Grad gebrannt. „Dann sind sie haltbar“, erklärt sie, „aber im Winter sollten sie lieber geschützt stehen.“ Alle ihre Werke sind so gestaltet, dass sie sich sicher aufstellen lassen – oft mit kleinen Öffnungen für Stäbe oder Halterungen.
Tag des offenen Gartens
Neben dem Töpfern ist das Gärtnern ihre zweite große Leidenschaft – und das sieht man auch. Der eher kleine Garten ist strategisch clever angelegt, sodass neben üppig blühenden, zentral gesetzten Rhododendren, sowohl ein kleiner Teich mit Sitzecke, mehrere Gemüsebeete und Obststräucher als auch weitere Blumenbeete, eine Kompostecke und eine Rasenfläche Platz finden. Schmale Wege schlängeln sich durch den Garten zu unterschiedlichen Sitzmöglichkeiten, die zum Verweilen einladen. Zwei bis drei Stunden täglich ist Ingrid Schäfer in ihrem Garten und pflegt ihn: „Ich mag es draußen zu sein und in der Erde zu buddeln. Ich freue mich immer schon richtig auf das Beikraut. Für mich ist es einfach wunderbar zu sehen, was die Natur zustande bringt“, sagt sie lächelnd. Auf dem Streifzug durch den Garten fügt sich das Getöpferte ebenso ein: große lila glasierte Blüten zwischen dem Vergissmeinnicht, runde Köpfe aus braunem Ton vor dem Rhododendron, Katze, Rabe, Hahn und Kuh auf dem Staketenzaun, blaue Fische und graue Reiher am Teich – die Kunstwerke gliedern sich farblich und thematisch passend in das Naturspektakel ein. Am 28. Juni, von 11 bis 18 Uhr, öffnet Ingrid Schäfer ihren Garten erneut für Besucherinnen und Besucher. Bei Kaffee und selbstgebackenen Kuchen lässt sich hier nicht nur der Garten genießen – sondern auch die schöne Kunst des Tons.
Tag des offenen Gartens
Wer jetzt auch Lust hat auf Entdeckungstour durch Ingrid Schäfers Töpfergarten zu gehen, kann zu folgenden Terminen vorbeischauen:
Sonntag, 28. Juni 2026
Sonntag, 26. Juli 2026
Sonntag, 23. August 2026
Jeweils von 11 bis 18 Uhr.
Oder nach vorheriger telefonischer Anmeldung: 04488-4536
Gerhart-Hauptmann-Straße 1, 26655 Westerstede
Von Ellen Leipelt